CHRISTOPH HERNDLER ::: TEXTE

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mica-Interview (Christian Heindl)
C.HEINDL IM GESPRÄCH MIT C.HERNDLER
am 15. Oktober 2012
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WENN SICH DAS GEHEIME VERBIRGT,
DANN LIEGT VOR IHM ETWAS ANDERES
Ein Kompositorischer Prozess
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SPEICHERN ... VERGESSEN
FLORIAN NEUNER
Christoph Herndler: Intermediale Partituren
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GEMISCHTE BEMERKUNGEN
eine Zusammenstellung aus verschiedenen Programmtexten

So wie manche Literatur die Sprache thematisiert, so thematisieren meine Kompositionen immer wieder die Schrift. Denn die Notation ist jener Behälter, der nicht nur die notwendigen Informationen birgt, um Formen oder Klänge reproduzieren zu können, sondern sie spiegelt auch die Art der sozialen Gefüge, die für die Reproduktion notwendig sind.

Wenn wir den Klang der Musik als sekundär betrachten, fällt der Blick sofort auf den Apparat dessen sich der Komponist bedient. Und da in der Musik wie in der Kunst vor allem auch die Veränderung des Apparats zu Neuerungen in der Form oder im Klang führt, bleibt es nicht unwesentlich, darauf zu achten, welche Apparate wir bedienen.


Trifft auf die Hörenden nur der Klang, so liegen in meinen Notationen den Interpreten jene Zeichen vor, durch die der Klang erzeugt wird. Das klangliche Resultat selbst, das durch die Notation in keiner Weise abgebildet ist, bleibt jedoch für die Interpreten ebenso unvorhersehbar wie für die Hörenden. Demnach bildet die Notation die Voraussetzung, dass die Spontaneität nicht nur im Hören sondern vor allem im Spiel gewahrt bleibt.

Jenseits von der sogenannten „Improvisation“ fixieren meine Notationen jenen Freiraum, der ansonsten nur in der Improvisation selbst zu finden ist.

Es ist entscheidend, Kompositionen auch im Licht ihrer Notation zu betrachten.

Für mich reduziert sich der so genannte „kompositorische“ Vorgang auf das Herausschälen einer grafischen Form, die sich aus wenigen Anfangsbedingungen über kombinatorische Prinzipien wie von selbst entwirft.

Spontaneität betrifft ausschließlich die Realisierung durch die Interpreten, nicht jedoch meine kompositorische Tätigkeit „am Papier“.

In einer Zeit hoch entwickelter Wiederholungsmaschinen will ich als Komponist Voraussetzungen schaffen, um das zu fixieren, was sich nicht wiederholen lässt.

Im Arbeiten mit kompositorischer Schrift werden Inhalt und Charakter von Notationssystemen (aber auch von Systemen generell) fokussiert.

Improvisation folgt einer Vorstellung und Vorstellung wächst aus dem Bekannten; deswegen werden wir in gewisser Hinsicht auch während der freien Improvisation nie den Raum des Bekannten velassen können, außer wir bauen uns Krücken (ähnlich einer Notation), um unserer Vorstellung möglicherweise zu entkommen.
"... die sich allmählich einstellende Erschöpfung während eines 12-stündigen Spiels wurde zum Hindernis und das Hindernis zur Krücke. ..."

Die Erfindung analoger oder digitaler Tonaufzeichnung hat nicht nur den Orchesterapparat als Tonträger in ein völlig anderes Licht gerückt, sondern auch die Notation selbst. Die Notation hat sich demnach vom Zweck der Wiederholbarkeit befreit und kann so von einem statischen zu einem dynamischen Werkzeug werden.

Die Ordnung lenkt unser Gehör auf die Form,
das Chaos lenkt es auf unser Hören.

Die Notation steht zu ihrem klanglichen Resultat in einem ähnlichen Verhältnis wie das Vorhersehbare zum Unvorhersehbaren.
Strenge, einfache und klare Bewegungsvorschriften, wie sie meine Notationen fixieren, führen zu komplizierten, teils chaotischen Klangereignissen. Versucht sich nun in diesem akustischen Raum der Hörende zu orientieren, wird er auch darin eine Ordnung finden, von der sich jedoch nicht auf die Ordnung der Notation schließen lässt. Denn im Akustischen ist das unvorhersehbare Klangereignis enthalten, im Gegensatz dazu ist die Notation hermetisch.

Die immer praktischen Gründe, die zu einer Art der Notation führen, orientieren sich meist an der Praxis des Musikbetriebes, der, je größer er wird, immer schwerlicher von seinen Praktiken ablassen kann; und so wie sich diese Schwerfälligkeit wiederum in der Schrift spiegelt, ist es die Schrift, die bestätigend auf jene Verfestigung wirkt; oft auch im Widerspruch zur ursprünglich beabsichtigten Idee: denn jede Schrift hat Inhalt an sich.

Es ist nicht einerlei wie man eine Idee notiert, denn die Art der Notation wirkt ihrerseits auf die Idee selbst.

Manche der Partituren sind durch ihre Beschaffenheit für das Publikum ebenso sichtbar wie für die Spieler, andere Partituren werden förmlich erst durch das Spiel erzeugt und bilden sich so im Gedächtnis des Publikums ab, im Gegensatz zu Partituren die im selben Moment wie deren Interpretation wieder verschwinden. Partituren nicht als Mittel zum Zweck, sondern als klanglose Realisierung der Idee. Die Notation bleibt keine Zeichensetzung auf einem bestimmten Hintergrund, sondern eine definierte Betrachtung vorhandener Zeichen; so können die Koordinaten der Instrumente selbst zu Notation werden. Notationen geben Raum für interpretatorische Nuancen aber auch Möglichkeiten zum formalen Eingriff in die Kompositionen selbst. Der Spieler bleibt im Spiel und mitverantwortlich; er bewegt sich durch die Zeit in mehr oder weniger großem Freiraum.

Keine Materialanhäufungen, sondern ein und dasselbe von verschiedenen Seiten betrachtet. Der Spieler dreht die Zeichen oder verändert den Raster seiner Betrachtung. Jedes grafische Detail der Notation ist Träger der ursprünglichen Idee. Es gibt keinen Standard der Schrift. Die Musik wie ihr Bild bleibt Erfindung.

Notation als Schrift:
Eine Fülle von Zeichen auf einem sichtbaren Hintergrund.
Notation als Betrachtung:
Eine Fülle von Vorhandenem auf dem Hintergrund der Deutung sichtbar.

Der Spieler ist in seinem Bewegungsraum fixiert und wird erst über das Ohr wieder frei; ähnlich wie sich der stillhaltende Hörer in seinem Hören bewegen kann.

Auch wenn meine kompositorische Arbeit über die Jahre immer um die selben Ideen kreist, so passiert es auch manchmal, dass sich da und dort ein neuer, unbekannter Aspekt in sie einschleicht. Für kurze Zeit mag dieser dann die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aber früher oder später tritt auch das Neue in jene Umlaufbahn ein, die vom Gravitationsfeld ein paar weniger Ideen angezogen wird.

Am Ende möchte ich mich aus meinen Kompositionen soweit als möglich zurückgezogen haben. Die Idee finden aber sich aus ihr heraushalten. Je zwingender die Idee um so eher gestaltet sich die Zeit und nicht ich sie. Die Komposition macht die Idee sichtbar, so wie jedes Zeichen zum Auge dringt. Wird sie gespielt, verkörpert sich zwar die Idee aber verschwindet gleichsam in den Körpern durch die sie hindurch muss, um zu klingen. Bleibt die Lust am Klang: ein Zeitvertreib.

Jede freie Entscheidung hat ihre Konsequenz - unmittelbar oder später.