CHRISTOPH HERNDLER ::: NOTATIONEN

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ÜBERGANGSRAUM 50MIN (2005)

Christoph Herndler, Komposition
Markus Scherer, Setting

Ensemble EIS
Judith Lehner, Sopran
Ivana Pristasova, Violine
Petra Stump, Bass-Klarinette

Alfred Reiter, Tontechnik
Markus Schlee, Zeichner

Foto © by Sabine Gruber

Christian Höller

Schatten hören, Echos sehen
zu Christoph Herndlers und Markus Scherers „Übergangsraum 50min“


Zeichen wird zu Musik wird zu Programm wird zu Schrift wird zu Projektion wird zu Raum wird zu Zeichen wird zu Klang. Und so fort, nicht nur linear, sondern quer durch alle diese Komponenten hindurch. Wobei die Einzelteile, so man sie überhaupt auseinander halten kann, unablässig neu miteinander verwoben werden – Strukturen bildend, Strukturen brechend, Neustrukturierungen der Gesamtanordnung in Aussicht stellend.



Es fällt nicht leicht, im multikompositorischen Gefüge von „Übergangsraum 50min“ einen klaren Ausgangspunkt festzumachen. War da zunächst die musikalische Vorlage von Christoph Herndler, seines Zeichens mehr an offenen, Form generierenden Anweisungen interessiert als an fertigen Kompositionen? (So zumindest hält es der Titel seines Werks „Dial geh auf, offm bist“ programmatisch fest.) Oder waren es die Textfragmente von Christian Loidl, dessen „Kleinstkompetenzen – Aufzeichnungen aus einer geheimen Kindheit“ Herndlers Partitur zugrunde liegen? (Eine Grundlage, die nur partiell besteht, ohne dass die Musik den Text vollends in sich aufnehmen würde.) Oder war es das räumliche Arrangement von Markus Scherer, der eine Vielzahl von medialen Aspekten – Videoprojektion, Live-Videoschaltung, Wandzeichnung, die Platzierung der Musikerinnen – miteinander kurzschließt, um der Musik, aber nicht nur ihr, einen kongenialen Aufführungsraum zu eröffnen? Oder war es gar ein fiktives Publikum, dessen mentales Navigieren durch die dichten medialen Verschaltungen Settings wie den „Übergangsraum 50min“ überhaupt erst mit entstehen lässt.


Foto © by Sabine Gruber

Die Gesamtanordnung von „Übergangsraum 50min“ als multimedial (und in seinem Crossover-Ansinnen als der Zeit entsprechend) zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Denn weniger als um die bloße Gleichzeitigkeit von Musik, Rauminstallation, Video, Zeichnung und Publikumsinteraktion geht es um ein Ineinander all dieser Komponenten. Gravitationsfelder, die im Rahmen der Aufführung Mischungen und Überlagerungen, aber auch Brechun-gen und Abspaltungen im Verhältnis zueinander eingehen. Wobei die räumliche Einfassung, sei es durch den bühnenartigen Boden, auf dem sich die Ausführenden ohne strikte Abgrenzung vom Publikum bewegen, oder die perspektivische Raumzeichnung an der Wand, die den Bildrahmen für den Zeichner und den Video-Beam markiert, ein disparates Auseinanderstreben verhindert. Auf musikalischer Ebene wird eine ähnliche Art der Einfassung durch Herndlers drei Partituren gewährleistet, wovon jeweils zwei jeder der drei einzelnen Musikerinnen vorliegen: Bestehend aus Textsplittern, einem grafischen Notationssystem und einer drehbaren, multipel lesbaren Rasterstruktur wirkt sie dem klanglichen Auseinanderdriften entgegen, während sie gleichzeitig ein Maximum an Freiräumen zulässt.





Das Ensemble aus Sopran, Violine und Bassklarinette arbeitet sich solcherart durch die komplexe Partitur, gemäß der Satzfragmente wie „Alte Frau macht die Augen zu“ nicht bloß stimmlich, sondern auch – als grafische Direktiven verstanden – in instrumentale Tonspuren übersetzbar sind. Gleichzeitig wird dem Gesang durch mehr-schichtige, mental nur schwer zu „prozessierende“ Anweisungen ein Maximum an Spontaneität abverlangt, woraus ein hoher Grad an Polyphonie resultiert. Im Zusammenklingen und (wiederholten) Auseinanderfallen der einzelnen Elemente bildet sich eine Art Meta-Struktur ab, deren Wechsel von Verdichtung und Ent-spannung, von Kontraktion und Distraktion, den entscheidenden Reiz des polymorphen klanglichen Gebildes ausmacht. Dass leicht zeitverzögert eine vorab aufgenommene Version des Musikstücks eingespielt wird, verstärkt den Effekt einer echoartig versetzten, in Spannung zu sich selbst stehenden Doppelung.



Ähnliches passiert auf der Ebene der Videoprojektion und der links davon in Echtzeit entstehenden Text-Zeichnung (letztere ebenfalls nach der Partitur von Herndler). Das Video, neben der Musikzuspielung die zweite vorab gefertigte und in den Live-Mix eingespeiste Komponente, zeigt, wie Scherer sich langsam seinen ureigensten White Cube in ein projektionsfüllendes Schneemassiv gräbt. Die Arbeit des Zeichners konterkariert diese Art von ironisch-existenziellem Naturalismus in einem Akt ästhetischer Implosion. Zwar sind es auch bei ihm bedeutungsschwere Sätze wie „Alte Frau macht die Augen zu“ oder „Alte Frau macht den Mund weit auf“, die es gestalterisch, ja gestisch umzusetzen gilt. Doch muss er infolge der strukturellen Platznot immer wieder oben absetzen, sodass im Lauf der Handlung ein Palimpsest entsteht, das, ähnlich der zeitversetzten Doppelung der Musik, eine Art Doppeltsehen, sprich Irritation des rezipierenden Auges auslöst. Es resultieren Selbstähnlichkeiten, die zudem Tiefeneffekte der an der Wand applizierten Schrift sind.



Schatten hören und Echos sehen – solcherart manifestiert sich die verwobene Intermedialität von „Übergangsraum 50min“. Wobei noch eine Reihe weiterer Komponenten die Brechung und Verräumlichung des Stückes bedingen: ein Tontechniker, der mit in den Raum und Ablauf der Aufführung integriert ist; vier Live-Kameras, die jede Bewegung, aber auch den zeitweiligen Stillstand inner-halb des „lebenden“ Winkels festhalten, wobei eine dieser Einstellungen in den Saal übertragen wird (worauf die im Bildausschnitt befindlichen Personen entsprechend reagieren können); das Publikum, das keinen klar zugewiesenen Platz hat und sich nach Belieben zu der Darbie-tung positionieren kann; schließlich die Aufnahme-technik, welche die gesamte Inszenierung aus verschiedenen Positionen für die DVD-Veröffentlichung aufzeichnet.


Foto © by Sabine Gruber

Die Verschränkung dieser unterschiedlichen Blick- und Hörwinkel ist es auch, die einen weiteren entscheidenden Reiz von „Übergangsraum 50min“ – zumindest in seiner konservierten Form – ausmacht. Indem das ganze Geschehen in seiner medialen Verwobenheit aus insgesamt vier Perspektiven aufgezeichnet wird, kommt die Idee einer privilegierten Seh- oder Hörposition gar nicht erst auf, ja wird diese regelrecht ad absurdum geführt. Zwei der Kamerapositionen befinden sich unmittelbar gegenüber und würden bei entsprechender Ergänzung ein 360 Grad-Bild ergeben. Dass eine dieser Aufnahmen live in den Aufführungsraum, als eine der beiden in das Setup integrierten Projektionen, zurückgespeist wird, unterstreicht den selbstreferenziellen Charakter von „Übergangsraum 50min“, ohne sich jedoch darin zu erschöpfen. Dass es vielmehr um produktive Überlagerungen geht, belegt die Perspektive der vierten Kamera, die, frontal vor der Sängerin platziert, nicht nur die stimmliche Umsetzung der Partitur in Großaufnahme zeigt, sondern dahinter auch den Zeichner bei seiner grafischen Arbeit und, noch eine Schicht darunter, das zugespielte Schnee-Cube-Video.

Aber noch ein anderer Überlagerungsprozess tritt dank der Video-aufzeichnung deutlich zu Tage: jener zwischen der zugespielten Vor-Aufnahme und der dokumentarisch festgehaltenen Live-Umsetzung. Produktion und Reproduktion gehen in dieser Hinsicht ein komplexes, nicht mehr einfach (etwa als primär vs. sekundär) zu entschlüsselndes Verhältnis ein. Vielmehr ist es so, dass das vorproduzierte Material ebenso vehement in den Gesamtablauf interveniert wie umgekehrt die „Direkthandlung“ auf vorgefertigten Partituren beruht. Gerade musikalisch wird dies immer wieder virulent, wenn die einzelnen Instrumente in eine Art kontrapunktischen Dialog mit sich selbst (bzw. ihrer zeitverschoben zugespielten Konserve) treten. Das Resultat ist der Eindruck einer in sich selbst nachhallenden Echokammer, in der die Hierarchie von Original und Reproduktion aufgehoben erscheint. Zugleich wird der solcherart erzeugte Mix Ausgangsmaterial einer neuen Aufnahme – jener, die sich vor unserem Auge und Ohr in situ zusammensetzt.



Das Auf- und Abtreten der Ausführenden, ebenfalls Teil der Gesamt-inszenierung, betont den anti-illusionistischen Prozesscharakter von „Übergangsraum 50min“. So wie die fünf menschlichen ProtagonistInnen sich nach und nach in die bereitstehende technische Apparatur eintreten – sich gleichsam in das „maschinische Skript“ einfügen –, so nehmen sie sich nach getaner Arbeit daraus auch suk-zessive wieder heraus. Zwar ist es der Zeichner, der zu Beginn das Schnee-Video (und damit alles Weitere) startet, doch führt fortan das Setup in seiner apparativen Verschaltung und Überlagerung gleichsam selbst Regie – Zeit- und Raummodifikationen mit eingeschlossen. Erst am Ende, wenn alle den Aufführungsraum verlassen haben, lässt sich die Flüchtigkeit des Dargebotenen ermessen – nachträglich, nahezu illusorisch bzw. imaginativ. Mit Ausnahme des zackigen Text-Palimpsests, das am linken Rand der Raumzeichnung entstanden ist und letztere wie ein Art darüber gelegte Folie bricht, wird die Produktion nichts speziell „Produziertes“ hinterlassen haben. Es sei denn, man sieht die nachwirkende Doppel- bzw. Mehrfachmedien-Erfahrung als Kern der Produktion selbst an. So wie Echos und Schatten im Rezipientengedächtnis den Übergangs-raum erst entstehen lassen.



Der Psychologe D. W. Winicott, auf den der Begriff „Übergangs-raum“ zurückgeht, hat den Charakter der damit einhergehenden Illusion – sie erlaubt es dem Kind, von der ersten Mutter- zu späteren Objektbeziehungen überzugehen – folgendermaßen umschrieben: „Dieser Zwischenbereich der Erfahrung, der im Hinblick auf seine Zugehörigkeit zur inneren oder äußeren Realität nicht in Frage gestellt werden kann, bildet den entscheidenden Teil der Erfahrung des Kindes. Er tritt das gesamte Leben hindurch in der intensiven Erfahrung auf, wie sie in den Künsten, der Religion, im imaginativen Leben und in der wissenschaftlichen Arbeit gemacht wird.“

Markus Scherers und Christoph Herndlers „Übergangsraum 50min“ zielt zwar nicht auf das gesamte Leben, stellt aber eine eindrucksvolle Versuchsanordnung bereit, in der diese intensive Erfahrung exemplarisch erprobt wird. Ausschnitthaft, von reduzier-ten Formeln und Verfahren ausgehend, ein Maximum an Dichte und produktiver Interferenz daraus ableitend. Wobei – Stichwort „Zwischenbereich“ – die medialen Ab- und Umwege bestimmend bleiben.

(Booklet-Text zur DVD "übergangsraum 50min")


Aufführung am

29.09.2005 um 19.30 Uhr im Lentos Kunstmuseum Linz
Brucknerfest Linz 2005



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